Ungleichgewicht Ladenöffnungszeiten: Was vom Tage übrig blieb

Während Kunden im Internet rund um die Uhr digitale Warenkörbe füllen können, sind stationäre Händler an die geregelten Ladenöffnungszeiten gebunden – und damit im Nachteil, sagt HDE-Präsident Josef Sanktjohanser. Er fordert neue Rahmenbedingungen und ein Stück mehr Fairness im Wettbewerb zwischen On- und Offline-Handel.

 

DDie Debatte ist nicht neu: Der Handelsverband Deutschland (HDE) fordert, Läden sollten überall in Deutschland an Werktagen uneingeschränkt öffnen dürfen, die Gewerkschaft Ver.di will die Arbeitnehmer nicht weiter belasten. Flexiblere Öffnungszeiten würden den Verdrängungswettbewerb im stationären Handel nur weiter befeuern, glaubt Stefanie Nutzenberger, Ver.di-Vorstandsmitglied für den Handel – schließlich gäben die Kunden ihr Geld nur einmal aus. „Die Liberalisierung von Ladenöffnungszeiten führt auf jeden Fall zu mehr Chancengleichheit“, sieht das HDE-Präsident Josef Sanktjohanser anders. Er spricht sich für einheitliche Spielregeln im Markt aus. „Erfahrungen zeigen, dass die Mitarbeiter keine Angst vor flexiblen Arbeitszeiten haben. Höhere Bezahlung und ausgeklügelte Arbeitszeitmodelle stellen für Mitarbeiter und Unternehmer sicher, dass durch längere Öffnungszeiten bessere Geschäfte gemacht werden“, sagte er Anfang des Jahres in einem Beitrag zum Thema Ladenöffnungszeiten im handelsjournal.

 

„Die aktuellen Regelungen zu den Ladenöffnungszeiten in Deutschland sind uneinheitlich, führen zu Wettbewerbsverzerrungen und verwirren die Kunden.“

– Josef Sanktjohanser, HDE-Präsident

 

Unheitliche Regelungen zu den Ladenöffnungszeiten

Sein Vorschlag: Händler sollen frei entscheiden können, wann es für sie sinnvoll ist, ihre Produkte anzubieten. Das könne in bevölkerungsreichen Gebieten auch am späten Abend sein. „Die aktuellen Regelungen zu den Ladenöffnungszeiten in Deutschland sind sehr uneinheitlich, führen zu Wettbewerbsverzerrungen und verwirren die Kunden. Jedes der 16 Bundesländer hat eigene Vorschriften zur Ladenöffnung.“ So dürfen an Sonn- und Feiertagen nur bestimmte Geschäfte, wie zum Beispiel an Bahnhöfen oder Flughäfen, öffnen. Werktags ist in Bayern und im Saarland um 20 Uhr Ladenschluss; in anderen Bundesländern wie Berlin oder Baden-Württemberg gibt es jetzt schon keine Beschränkung mehr.

HDE-Präsident Josef Sanktjohanser auf der Dialogplattform Einzelhandel (Foto: (c) BMWi, Andreas Mertens)

HDE-Präsident Josef Sanktjohanser auf der Dialogplattform Einzelhandel (Foto: © BMWi, Andreas Mertens)

Die Ungleichheiten stören Sanktjohanser. Vielmehr noch findet er, dass die klassischen Händler gerade gegenüber Online-Anbietern diskriminiert werden. „Das fängt bei den Öffnungszeiten an und reicht bis zur Steuergesetzgebung“, sagte Sanktjohanser im Gespräch mit der WirtschaftsWoche. Stationäre Händler könnten nur verkaufen, wenn ihre Türen geöffnet seien. „Selbst ein urkatholisches und erzkonservatives Land wie Polen hat keine Ladenschlussgrenzen mehr! Die Gegenrede der Kirche zieht also nicht mehr. Die Argumente der Gewerkschaft wiederum sind reine Symbolpolitik. Da braucht auch niemand mit dem Schutz der Arbeitnehmer kommen. Viele Mitarbeiter wollen in den Abendstunden arbeiten, weil sie dann hohe Zuschläge bekommen. Abgesehen davon reden wir ja nicht über einen Öffnungszwang, wir wollen nur die Möglichkeit haben, den Kunden ein Angebot zu machen. Wenn abends nach 20 Uhr keiner mehr kommt, wird kein Händler seinen Laden unnötig auflassen“, wurde der HDE-Präsident im Interview mit der WELT deutlicher.

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Auf eigentliche „Stärken konzentrieren“

Ver.di-Vorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger (Foto: Kay Herschelmann)

Ver.di-Vorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger (Foto: Kay Herschelmann ©)

Die Gewerkschaft hält dagegen: „Beschäftigte zahlen die Zeche mit noch flexibleren Arbeitszeiten“, kritisierte Stefanie Nutzenberger, Ver.di-Vorstandsmitglied für den Handel, die Forderungen des HDE in der BILD.  Der stationäre Handel müsse sich stattdessen, so Nutzenberger im handelsjournal weiter, in Zeiten wachsender Online-Umsätze auf seine Stärken konzentrieren, statt sich mit Billigpreisen oder Moonlight-Shopping niederzukonkurrieren. „Die Stärken des Stationärhandels sind guter Service und Beratung durch qualifizierte und motivierte Beschäftigte. Und der Handel muss mehr für die Beschäftigten tun. Übernahmen in unbefristete Arbeitsverhältnisse nach der Ausbildung und Arbeitsbedingungen, die es möglich machen, im Erwerbsleben gute Arbeit zu haben, gesund die Rente zu erreichen und später nicht in Altersarmut zu leben, stehen als Themen auf der Tagesordnung.“

Rückblick: Langer Samstag und der „Schlado“

Wirft man einen Blick zurück, begann der Streit um die Ladenöffnungszeiten bereits 1957 mit der Einführung des „langen Samstags“, der es Händlern erlaubte, ihre Geschäfte am ersten Samstag jedes Monats bis 18 Uhr zu öffnen; das ein Jahr zuvor abgesegnete „Gesetz über den Ladenschluss“ regelte die Ladenöffnungszeiten an Samstagen bis 14 Uhr. Ab 1960 gab es „lange Samstage“ auch an den vier Adventssamstagen.

32 Jahre später, im Jahr 1989, folgte der „lange Donnerstag“: Die Händler durften ihre Geschäfte an diesem einen Tag in der Woche bis 20.30 Uhr geöffnet lassen, an allen anderen Werktagen mussten sie ihre Läden bereits um 18.30 Uhr schließen. Was heute als völlig normal gilt, war seinerzeit ein großes Streitthema. Bei den betroffenen Mitarbeitern und Händlern war der „lange Donnerstag“ aufgrund der längeren Arbeitszeiten auch als „Schlado“ (= Scheiß langer Donnerstag) verschrien. 1996 folgte die Öffnung an allen Werktagen bis 20 Uhr, die seit 2003 auch samstags gilt. Seit 2006 ist die Regelung Ländersache. In Zeiten wachsenden Online-Handels kocht die Diskussion um die Landenöffnungszeiten nun seit zwei Jahren wieder hoch.

 

„Wir selbst haben unsere Öffnungszeiten bereits zweimal an unsere Kundschaft angepasst – und die Kunden sich umgekehrt auch an unsere.“

–  Philipp Sawallisch, Buchhandlung Stadtlichter

 

Händler reagieren unterschiedlich

Im Herbst 2013 hatte der HDE zu diesem Thema eine Umfrage unter rund 1 200 Einzelhandelsunternehmen gestartet. Das Ergebnis: Die Händler richten sich mit ihren Öffnungszeiten nach den Kundenbedürfnissen vor Ort. „Für die Unternehmen ist es wichtig, dass sie dabei möglichst viele Freiheiten haben, um sich optimal an den Wünschen ihrer Kunden zu orientieren. Vor allem der stationäre Einzelhandel steht durch die 24-Stunden-Öffnung der Online-Shops unter Druck“, kommentierte HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth.

Ein Beispiel für Öffnungszeiten jenseits der 10-bis-20-Uhr-Grenze ist das Brettspielgeschäft im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg: Der Laden in der Pappelallee, in dem man Gesellschaftsspiele aller Art kaufen und leihen kann, hat dienstags bis samstags von 12 bis 22 Uhr geöffnet. Dafür ist montags komplett geschlossen: Ruhetag. Was auf den ersten Blick ungewöhnlich aussieht, lässt auf den zweiten Blick Kundenfreundlichkeit erkennen: Vieles spricht dafür, dass sich Inhaber Josef Anders mit den Öffnungszeiten an die Wünsche seiner Kundschaft angepasst hat.

Ungewöhnliche Öffnungszeiten? Nicht in Berlin. (Screenshot Öffnungszeiten Brettspielegeschäft / brettspielgeschaeft.de)

Ungewöhnliche Öffnungszeiten? Nicht in Berlin. (Screenshot Öffnungszeiten Brettspielgeschäft / brettspielgeschaeft.de ©)

 

Öffnungszeiten bis 22 Uhr oder länger? Für Philipp Sawallisch von der Neuköllner Buchhandlung Stadtlichter ist das hingegen nicht vorstellbar: „Ich möchte keinen meiner Mitarbeiter dazu verpflichten, nachts zu arbeiten.“ Er sieht in flexibleren Öffnungszeiten keinen großen Mehrwert: „Ähnlich wie Ver.di-Bundesvorstandsmitglied Eva Völpel bin ich mir nicht sicher, ob andere Öffnungszeiten mehr Umsatz in die Einzenhandelskassen spülen. Konsumenten wissen ja auch, wann Läden i. d. R. geöffnet haben – zwischen 9 bzw. 10 Uhr und 20 Uhr. Es gibt Mittagspausen, einen freien Tag oder auch einen frühen Feierabend, der das Einkaufen ermöglicht. Wir selbst haben unsere Öffnungszeiten bereits zweimal an unsere Kundschaft angepasst – und die Kunden sich umgekehrt auch an unsere.“ Dass Konsumenten auch nach 20 Uhr im Internet Bücher shoppen können, stört ihn dabei nicht: „Online kann man Bücher nicht durchbättern, in ihnen stöbern – im Geschäft schon.“ Zudem fehle im Netz die Beratung – „es sei denn, man macht sich etwas aus Algorithmen.“ ♦

 

 

 

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Text: Thilo Grösch | Verwendetes Beitragsbild: clipdealer.com | Fotos im Text: Andreas Mertens, Kay Herschelmann, Locafox

Thilo Grösch

Unternehmenssprecher bei LocaFox
Thilo Grösch hat das LocaFox-Handelsblog aufgebaut und über den digitalen Wandel im Stationärhandel, Local Commerce, Mobile Commerce und die Zukunft des Shoppings geschrieben.

2 Gedanken zu “Ungleichgewicht Ladenöffnungszeiten: Was vom Tage übrig blieb

  1. Silke Loers schreibt:

    Ich habe in meinem Handelsleben alles an Öffnungszeiten erlebt. Viele Kunden wollen aber um 20 Uhr zuhause sein (jedenfalls die älteren). Trotzdem sollte es jedem Händler freigestellt werden. Ich denke, der Markt wird es regulieren. (So haben ja auch die Lebensmittelläden bereits ihre Mitternachtsöffnung an vielen Orten zurückgenommen.)

    Unsinnig sind beispielsweise erzwungene Sonntagsöffnungen der Städte (sie legen die Termine fest), denn wenn es im Sommer an einer Sonntagsöffnung heiß ist, bleibt der Laden leer, dagegen im Advent würde manch einer auch am Sonntag, wenigstens in den Innenstädten gern shoppen. Zudem die Weihnachtsmärkte ja auch offen sind und inzwischen mehr als nur Weihnachtsartikel im Sortiment haben….
    Also öffnen und der Markt regelt es.

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